Graue Studien vs. Grüne Jobs

In: Allgemein

29 Aug 2011

Köln, im Sommer 2010. Über das Info-Werbeangebot der U-Bahnstation flimmert eine Meldung: “Deutsche Studie zeigt: Ausbau der Erneuerbaren Energien wird Strompreise deutlich ansteigen lassen”.

Eine unbequeme Wahrheit, die der Bevölkerung den überfälligen Umstieg auf klimaverträgliche Energieerzeugung nicht unbedingt schmackhafter macht. Auch die Tagespresse griff die Studie auf. Aber wie verlässlich waren  die Aussagen der Studie? Welche Motivation steckte hinter ihr? Diese Fragen blieben beim täglichen Buffet der Informationshäppchen unbeantwortet.

Wochen später wurde dem Hauptautor der Studie, Manuel Frondel vom RWI (Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung), eher widerwillig in einem Interview mit ARD Monitor entlockt, dass diese von einem “unabhängigen Institut in den USA” gesponsert wurde, dem “Institute for Energy Research“.

Das in Houston (Texas) ansässige neoliberale IER wurde 1989 gegründet und betätigt sich seitdem in der Imagepflege von fossilen Energien und Deregulierungsbestrebungen. Gelder flossen der Gruppe ausgiebig durch Exxon Mobil (307,000$ von 2003-2007) und Koch Industries (175,000$) zu. IERs CEO Robert L. Bradley, vormals PR-Direktor bei Enron, warnte schon im Jahr 2000 vor “unökonomischen Methoden zur Vermeidung von Treibhausgasen”, womit alle Methoden die nicht zu unmittelbarem Gewinn führen ausgeschlossen wurden.

Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema findet man, dass die RWI-Studie nicht die erste oder letzte ihrer Art war. Das IER sponserte schon im März 2009 eine Studie des spanischen neoliberalen, klima”skeptischen” Ökonoms Gabriel Calzada vom Instituto Juan de Mariana. Diese zog eine vermeintlich vernichtende Bilanz des spanischen Energiereformprogramms: für jeden “grünen” Job gingen 2.2 andere Arbeitsplätze verloren. Die gravierenden Methodikfehler der Studie wurden vielerorts aufgezeigt, was andere neoliberale Gruppen nicht davon abhielt, dieselbe Methodik für eigene Studien zu verwenden. So bezog sich die Arbeit des italienischen Istituto Bruno Leoni von 2010, “Are Green Jobs Real Jobs?“, auf Calzadas Vorarbeit.

Im September 2009 präsentierte das dänische neoliberale Center for Politiske Studier (CEPOS) die kritische Arbeit “Wind Energy: The Case of Denmark“. Auch diese Arbeit wurde vom IER finanziert, ohne dass dieses namentlich in der Arbeit erwähnt wird.

Warum aber führt das US-basierte IER in Europa Studien durch? Diese führen sicherlich auch zu einer Beeinflussung der Bevölkerung der jeweiligen Länder. Das ganze Bild erschließt sich aber erst, wenn man US-Publikationen nach Erwähnungen dieser Studien durchforstet. Diese Arbeiten werden seit Jahren ausgiebig von Gegnern der kraftlosen Energiereform-Bestrebungen Barack Obamas präsentiert, um die angeblich unausweichlich katastrophalen Auswirkungen auf die US-Wirtschaft zu präsentieren. Michele Bachmann, Präsidentschafts-Anwärterin der populistisch-fundamentalistischen “Tea Party”-Bewegung, warnte zum Beispiel 2009 anlässlich der Calzada-Studie, die Regierung müsse “ihre Durchsetzung einer Energiepolitik überdenken, die unserer bereits angeschlagenen Wirtschaft schaden und jeden einzelnen Amerikaner finanziell beeinträchtigen wird”.  Obama ging 2009 auf die Vorreiter-Rolle Spaniens bei der Energiereform ein; auch Dänemark und Deutschland fanden als Pionierländer Erwähnung. Aus US-neoliberaler Sicht mussten deshalb gerade diese Entwicklungen als Misserfolge dargestellt werden.

Die Metastudie “Green Jobs: The European Experience” von 2011, verfasst von Klima“skeptiker” Kenneth P. Green vom Frontier Centre for Public Policy, präsentiert all diese Studien nun als Kulisse der vermeintlichen europäischen Fehlentwicklungen, und versucht damit primär die kanadische Debatte zu beeinflussen. Auch darin erwähnt wird die Studie “Worth the Candle? The economic impact of renewable energy policy in Scotland and the UK“, 2011 unter Mitarbeit von Tom Miers vom Institute of Economic Affairs (IEA) veröffentlicht, das als Keimzelle des neoliberalen, weltumspannenden Atlas-Netzwerks gesehen werden kann, gegründet von Hayek-Missionar Antony Fisher. Der Report wurde von der schottischen Regierung als “irreführend” bewertet.

Diese kurze Fallstudie zeigt, wie in einer globalisierten Welt scheinbar lokale Ereignisse einer Motivation in weit entfernten Teilen der Welt entspringen können. Diese nicht nur für den Laien zumeist nicht nachvollziehbaren Verflechtungen transparent zu machen kann dabei helfen, den Überblick zu bewahren und realitätsnahe Entscheidungen zu treffen.

Peter Hartmann

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